Aus: „Ich habe mein Geschirr nicht zu meinem Wunschpreis verkaufen können“ wird: „Das kauft niemand mehr. Tonne. Polterabend."

Aus: „Ich habe mein Geschirr nicht zu meinem Wunschpreis verkaufen können“ wird: „Das kauft niemand mehr. Tonne. Polterabend."

Ich bin ja leider nicht immer so gechillt wie unsere Nele. Ich bin da eher so der Typ Terrier auf Blutwurstentzug. Was mich rasend macht? Diese Tipps wie: "Das Geschirr will niemand, kannste in die Tonne klopfen!"

Ich kämpfe ja für die Wertschätzung von älterem Porzellan – und gegen pauschale Behauptungen ohne ausreichenden Hintergrund in Sachen Geschirrverkauf, die laut rausgeschmettert werden von Leuten, die einmal in ihrem Leben Geschirr verkaufen wollten.

Da es ja nicht sein kann, dass sie etwas nicht so ganz optimal gemacht haben, muss es ja am Geschirr liegen - und am Verkommen der Tischkultur in der heutigen Zeit.

Menschen – ich formuliere das bewusst sehr allgemein – neigen nun mal dazu, einzelne eigene Erfahrungen als unumstößliche Wahrheit zu verallgemeinern:
Jeder. Niemand. Alle. Immer. Nie.

Anscheinend gehen manche davon aus, dass man ein Geschirrservice nur ein einziges Mal irgendwo im Internet vorstellt und sofort will es jeder haben. Mensch, das wäre echt prima!
Ich habe inzwischen wirklich eine große Reichweite – seit Mitternacht sogar **25.000 Follower, juchhu!!!** –, aber nicht einmal bei mir funktioniert das so.

Ich präsentiere ein Service. Die Leute schauen es sich an. Ich zeige es wiederholt. Das Interesse steigt langsam. Irgendwann denkt irgendjemand: „Ja, genau das möchte ich bei mir zu Hause auf dem Tisch stehen haben!“ Und kauft eine Tasse mit Unterteller. Um uns zu testen. Um sich sicher zu sein, dass wir kein Fakeshop sind. Und um zu erfahren, ob alles heil ankommt. Dann kommt der passende Kuchenteller nach, eine zweite Tasse, zwei Speiseteller..... und wir haben wieder einen neuen Stammkunden gewonnen.

Dazwischen können Tage liegen. Oder Monate. Manchmal sogar Jahre. Was ich heute verkaufe, habe ich meistens schon vor Monaten in den Shop eingestellt. Es kommt also sehr darauf an, wie viel Zeit und Geduld und Platz ein Verkäufer hat.

Ja, ich weiß: bei einer Wohnungsauflösung sieht die Sache natürlich ganz anders aus. Da muss meistens nicht nur ein Geschirr verkauft werden, sondern eine komplette Wohnung aufgelöst werden. Innerhalb kürzester Zeit.

Aber das ändert nichts am Prinzip.

Ich lese alle Kommentare unter meinen Beiträgen sehr interessiert. Und dabei fallen mir immer wieder ähnliche Zusammenhänge auf.

Besonders enttäuscht sind nämlich häufig diejenigen, die von einem „Wert“ ausgegangen sind, der sich am damaligen Einkaufspreis der Einzelteile orientiert. Gleichzeitig möchten sie das Geschirr nur an Selbstabholer abgeben, weil Verpacken mühsam ist und natürlich immer die Gefahr besteht, dass etwas zu Bruch geht.

Und sie möchten es auch nicht auf mehreren Plattformen anbieten, weil das Einstellen der Anzeigen und das Beantworten der Fragen ebenfalls Arbeit macht.

Das ist alles vollkommen verständlich. Aber es beeinflusst nun einmal den Preis, der tatsächlich erreichbar ist.

Wenn eine große Alt-Amsterdam-Sammlung früher einmal mehr als 4.000 Euro gekostet hat (Einzelteile summiert, über Jahre hinweg gesammelt, jetzt benutzt, wenn auch nur ein einziges Mal), dann wirkt ein Angebot über 400 Euro natürlich erst einmal lächerlich.
Der Wert eines Geschirrs und der Preis, zu dem es innerhalb kürzester Zeit, im 50km-Radius um einen bestimmten Ort und mit möglichst wenig Aufwand verkauft werden kann (am liebsten an Selbstausräumer aus der Vitrine mit Staubtuch in der Hand), sind eben zwei völlig verschiedene Dinge.

Aus: „Ich habe mein Geschirr nicht zu meinem Wunschpreis verkaufen können“ wird dann sehr schnell: „Das kauft niemand mehr. Tonne. Polterabend."

Nehmen wir den Porzellanladen als Anschauungsobjekt, weil das naheliegend ist: wir kaufen große Sammlungen an und verkaufen sie anschließend in Einzelteilen weiter. Das ist richtig viel Arbeit – und macht deshalb auch einen riesigen Unterschied beim Preis.
Wir beschreiben unsere Artikel ganz genau, mit Größenangaben und Fotos. Wir verpacken sehr sorgfältig und versenden ganz bequem an die Haustür - mit Übernahme des Risikos.
Wir bieten unsere Artikel auch nicht nur ein einziges Mal irgendwo an. Eigener Onlineshop, eBay-Shop, Facebook, Instagram, TikTok, Pinterest, bezahlte Google-Werbung, bezahlte Meta-Werbung, Newsletter für 300 Dollar im Monat – und was ich sonst noch alles veranstalte, damit das richtige Geschirr den richtigen Menschen findet.

Aber jedes Mal, wenn wir etwas verkaufen, haben wir den Beweis:
Ja, älteres Porzellan wird immer noch geschätzt.

Es liegt nicht unbedingt am Geschirr. Es liegt auch daran, ob man den Menschen erreicht, der genau dieses Geschirr sucht.

Diejenigen, die laut rufen:
„Niemand will mehr Geschirr!“
„Das hat keinen Wert!“
„Ab in die Tonne oder auf den Polterabend damit!“
verunsichern die Menschen, die diese Aussagen lesen, glauben und es deshalb erst gar nicht versuchen.

Fakten sind dabei manchmal erstaunlich uninteressant.

Das merke ich jedes Mal, wenn ich darauf hinweise, dass ich wohl kaum seit über 25 Jahren einen Onlineshop für älteres Porzellan betreiben könnte, wenn es wirklich niemand mehr kaufen würde.
Eine Frau antwortete gestern darauf: „Ja, aber in welcher Altersklasse?“
Hä?
Ist das nicht völlig egal? Hauptsache, das Geschirr wird geschätzt und findet ein neues Zuhause.
Als sich daraufhin eine nette 25-Jährige meldete und schrieb, dass sie altes Geschirr liebt, kam als nächster Einwand: „Ja, aber auf dem Land.“
Woher sie wissen wollte, wo die junge Frau lebt, blieb ihr Geheimnis. Aber vermutlich lautete das eigentliche Motto:
Irritiere mich bitte nicht mit Fakten. Ich möchte bei meiner Meinung bleiben!
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