Porzellanpsychologie: psychologische Fallstudien und soziale Analysen

Porzellanpsychologie: psychologische Fallstudien und soziale Analysen

Noch so früh am Samstagmorgen und schon sitze ich an psychologischen Fallstudien und sozialen Analysen. Dazu muss man heutzutage nicht mal mehr zur Uni. Facebook reicht vollkommen aus. Der Blutdruck braucht ja morgens etwas Schwung und soll den ganzen Tag auf einem nicht zu niedrigen Niveau bleiben. Ich denke mal, das wird mir heute gelingen. Vor lauter Ärger werde ich nachher noch einen Kistenbeitrag posten mit dem Wort "Polterabend" innerhalb der ersten 40 Zeichen....... Wenn es dieses Phänomen, für das ich noch einen Namen finden werde, schon gibt, dann möchte ich bitteschön auch davon profitieren.
Ausgangspunkt meiner heutigen Recherche: jemand möchte 109 Teile Alt Amsterdam für 1.200 Euro verkaufen.
Vergleichbare Realität: im Supermarkt um die Ecke liegt eine neue Schokolade, die 5 Euro kosten soll. Die Leute gehen vorbei, sehen den Preis, schütteln den Kopf und gehen ohne Schokolade weiter. Fertig!
Im Internet fühlt sich aber jedermann und jederfrau dazu berufen, sein Wissen in einem mehr oder weniger rüden Tonfall weiterzuverbreiten, um als vermeintliche Autorität mit Fachwissen bewundert zu werden. Worauf beruht dieses phänomenale Wissen? Meistens auf einem einzigen Fall, der jetzt als repräsentativ genannt wird, obwohl es vielleicht gar nicht Alt Amsterdam war, sondern Blümchengeschirr ohne Namen, es waren auch nur 28 Teile und es wurde auch nur in Hintertupfingen auf dem Flohmarkt des Kaninchenzuchtvereins angeboten. Aber was interessieren uns schon Fakten, wenn wir laut schreien können.....
Natürlich kommt als Erste, als Lauteste und mit den meisten Ausrufezeichen bewaffnet die Fraktion "Niemand will mehr Geschirr!". Gerne auch mit fundiertem Wissen wie: "Du bekommst dafür höchstens einen Hunderter" oder "Im Sozialkaufhaus werfen sie es dir nach" oder die allumfassende Aussage "Polterabend".
Das ist der Moment, in dem ich immer überlege, ob ich meinen Porzellanladen einfach schließen soll, weil ich so frustriert bin, dass niemand mehr Geschirr kaufen möchte. Und doch rappel ich mich jedesmal wieder mühsam auf und denke: "Ne, du musst noch zuerst die 34 Bestellungen abarbeiten".
Spannend fand ich auch die konkrete Aussage eines Flohmarkthändlers, dass er dafür im Einkauf 150 Euro bezahlen und hoffen würde, es für 400 Euro weiterzuverkaufen. Er hat eine ganz andere Kalkulationsgrundlage als ich, aber so heimlich denke ich dann schon: "Warum bezahle ich denn immer so viel mehr für das Geschirr? Lasse ich mich über´s Ohr hauen??? Wo kriege ich denn 109 Teile Villeroy und Boch für 150 Euro her?" Aber das sind immerhin berufliche Erfahrungen, das finde ich ehrlich sehr interessant. Darüber spricht man ja sonst nicht. Aber auch er wird trotz 25 Jahren Erfahrung niedergemacht: 0 Wissen, große Klappe, keine Ahnung.... Wie dreist kann man eigentlich sein, das eigene Minimalwissen höher einzuschätzen als das Wissen von jemandem, der tagtäglich damit zu tun hat? Mensch, es fehlt mir wohl komplett am entsprechenden Selbstbewußtsein.
Was ihnen gar nicht auffällt (also falls es sie interessieren würde): die Leute verwechseln ihre eigene Kaufunlust mit fehlender Nachfrage auf dem kompletten Markt. „Ich möchte es nicht“ wird ständig zu einem völlig überzeugten „Das möchte niemand.“ Die eigene Meinung wird zum allgemeingültigen Maßstab für alle gemacht. Da wird eine nicht vorhandene Autorität hergestellt: "Ich weiß Bescheid! Ich kenne mich auf dem Markt aus!" Meine 25 Jahre Verkauf würden genauso niedergebrettert werden wie die Frau, die sich erdreistete zu schreiben "Ich habe mehr dafür bekommen!". Das war dann natürlich nur eine einmalige Ausnahme und statistisch nicht belastbar. Ein Ausreißer, sonst nichts.
Tatsächlich gibt es sogar einen gewissen Mitläufereffekt: sobald die ersten „unverkäuflich“ und „Polterabend“ schreiben, wiederholen andere dieselben Aussagen immer drastischer.
Ich leide mit der Texterstellerin mit, die ja eigentlich gar nicht nach all diesen Antworten gefragt hat und deren Verkaufsanzeige deutlich zerschmettert wird.... bis ich dann lese, dass jemand ihr 600 Euro anbietet und sie schreibt: "Dann werfe ich es lieber weg!"
Schwupps, weg ist das Mitleid und die Betroffenheit bei mir. Warum wirft jemand lieber etwas weg statt 600 Euro zu nehmen? Nach all diesen Aussagen wie "Höchstens 50 Euro" und "Niemand nimmt es" kommt nun ein konkretes Angebot, das gar nicht mal schlecht ist. Natürlich ist es das gute Recht der Dame, es dankend abzulehnen. Sie hat einen bestimmten Preis im Kopf und ihr wisst ja: der Preis ist der Preis ist der Preis.
Aber lieber wegwerfen? Damit man nachher behaupten kann: "Niemand will mehr Alt Amsterdam, ich weiß es ganz genau!"?
Leute, genau das ist das Problem mit dem Geschirrankauf oder -verkauf. Nicht diese ganzen Untergangsszenarien über den Verfall der Tischkultur und die Weltherrschaft von Plastikbechern und Nonametellern. Sondern diese Unfähigkeit, mit anderen zu kommunizieren ohne sich selbst zu erhöhen und das Gegenüber gnadenlos niederzustampfen, um Recht zu behalten. Ja, Porzellan weckt Erinnerungen und Emotionen. Aber nicht immer die besten.......
Achtung! Ich zeige euch Geschirr im Holzregal = extrem teuer, kein Polterabendhighlight.
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